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95 Thesen für Kopf und Bauch: "In Fleisch- und Wurstwaren verstecken sich unnötig hohe Mengen an Phosphat."

18.12.217 – „Unser Essen – Herkunft, Weiterverarbeitung und Wertschätzung“ lautete das Thema der siebten Veranstaltung in der Reihe "95 Thesen für Kopf und Bauch" von Slow Food Deutschland. Experten, Erzeuger und Verbraucher diskutierten am 8. Dezember bei den Herrmannsdorfer Landwerkstätten in der Nähe von München.

Durchschnittlich verbringt der Mensch zehn Jahre seines Lebens mit Essen und dessen Zubereitung. Während weltweit weiterhin über 800 Millionen Menschen unter- und mangelernährt sind, ist Essen für viele in den Industrieländern zu Lifestyle und Ersatzreligion geworden. Doch gibt es auch die bewussten Verbraucher, die Genuss und Verantwortung miteinander verbinden, sich ihres Einflusses und ihrer Entscheidungen bewusst sind, die sie täglich mit Gabel und Messer treffen. Sie wünschen sich, dass Ernährung wieder zurückkehrt in die Regionen und die Politik sich dies zur Aufgabe macht.

Karl Schweisfurth begrüßte die rund 50 Gäste und erklärte ihnen alles Wichtige über die Philosophie des Unternehmens, die Tiere, das Handwerk und die Werkstätten vor Ort. Die Herrmannsdorfer Landwerkstätten sind ein Pionierbetrieb in vielerlei Hinsicht: Bereits seit über 30 Jahren wird hier Ökolandbau betrieben und Wert gelegt auf die handwerkliche Verwertung von Nutztieren in der Metzgerei, von Getreide in der Bäckerei sowie von Milch in der Käserei. Die Produkte werden weitestgehend regional vermarktet.

Symbiotische Landwirtschaft auf 80 Hektar

Der Begründer Karl-Ludwig Schweisfurth war von Anfang an daran interessiert, Landwirtschaft losgelöst von konventionellen Systemen und Konzepten zu betreiben. Es interessierten ihn vor allem die Synergien für Mensch, Tier und Umwelt, wenn Rinder, Schweine, Hühner, Gänse und Schafe zum gegenseitigen Nutzen zusammenleben. Das beobachtete und erforschte er über Jahre auf einer Fläche von fünf Hektar. So entdeckte er die Symbiosen, welche durch die gemeinsame Weidehaltung entstehen. Während etwa Rinder und Schafe die Grasnarbe niedrig halten, erfreuen sich Schweine und Hühner anschließend am jungen Gras. Die großen Tiere schützen außerdem die kleinen, indem sie z. B. Hühnerdiebe wie den Habicht oder Raben von den Weiden fernhalten. Es sind unter anderem alte Rassen, die auf Schweisfurths Flächen grasen und leben: Das Schwäbisch Hällische Landschwein sowie das österreichische Sulmtaler- und französische Bresse-Huhn. In der Hühnerzucht weiß er damit die Gemütlichkeit der Österreicher mit dem Wachstum und der Leistung der Franzosen zu kreuzen.

Bei den Herrmannsdorfer Landwerkstätten gehört auch das Schlachten vor Ort zur ökologischen Kreislaufwirtschaft. Der Metzger begleitet seine Tiere einzeln, achtsam, respektvoll und ohne Zeitdruck vom Leben in den Tod. In industriellen Schlachtfabriken werden Schweine hingegen überwiegend mit Kohlendioxid vergast.

Doch geht die Produktpalette der Landwerkstätten weit über Fleisch hinaus: In der Vollkornbäckerei wird Brot aus Sauerteig gebacken, das vorwiegend aus eigenem Getreide hergestellt wird. Die Produkte kommen mit nur wenig Hefe aus, vereinzelten Backwaren wird Backmalz zugefügt. Enzyme oder Backmischungen sind tabu. Hier ist der Bäcker mit seiner ganzen Handwerkskunst gefragt. Dasselbe gilt für den Käse. Jeden zweiten Tag wird gekäst. Die Milch stammt von Bio-Bauern aus dem benachbarten Antersberg.

Es braucht Wertschätzung und politisches Handeln!

Als Experten waren Rupert Ebner (Vorstand Slow Food Deutschland), Georg Schweisfurth von den Herrmannsdorfer Landwerkstätten, Rita Panicker von Misereor sowie Anja Louisa Schmidt (Coach für achtsames Essen) dabei. Die Moderation übernahm Gabi Toepsch. Als Diskussionsthemen wurden die Wertschätzung für Qualität, Geschmack und Vielfalt unserer Grundnahrungsmittel, die Diskrepanz zwischen „Essen im Überfluss“ und „Essen, um zu überleben“ sowie die Handlungsoptionen und Verantwortlichkeiten von Verbrauchern und Politikern aufgegriffen.

Anja Louisa Schmidt, die sich als Coach mit dem Thema achtsames Essen beschäftigt, ging zunächst auf die individuelle Ebene ein, die Art, wie Menschen mit Essen umgehen Sie bedauerte, dass sich zu wenig Menschen in den Industrieländern in Ruhe und bewusst dem Essen widmeten. Zu wenige würden auf ihren Körper hören, was dieser signalisiert und braucht, wie die geschmackliche Wahrnehmung ist. Sie unterstützt Slow Food deshalb darin, Verbraucher davon zu überzeugen, sich wieder Zeit für ihr Essen zu nehmen, sich voll und ganz darauf zu konzentrieren. Das führe im nächsten Schritt oft dazu, dass ihr Interesse an Herkunft und Weiterverarbeitung von Lebensmitteln wächst und sie bereit sind, angemessene Preise zu zahlen. Eine solche Veränderung im Konsumverhalten aber muss Hand in Hand gehen mit politischen Rahmenbedingungen, die Transparenz schaffen. Das betonten Georg Schweisfurth und Rupert Ebner, Vorstand Slow Food Deutschland, gleichermaßen. „Alleine eine angemessene Kennzeichnung von Lebensmitteln fehle so oft. Und das kann und darf die Politik nicht dulden. So versteckt sich etwa Phosphat in unnötig hohen Mengen in Fleisch und Wurstwaren. Der Verbraucher aber kann die Belastung nicht abschätzen, weil es nicht angemessen angegeben ist. Umso wichtiger sind Herstellungsalternativen wie die in Herrmannsdorf, wo komplett auf Phosphateinsatz verzichtet wird und der Verbraucher weiß, was er bekommt“, betont Ebner.

Natürlich fehlte auch die globale Perspektive und der Einblick in eine ganz andere Ernährungsrealität an diesem Tag nicht. Rita Panicker, Projektleiterin des Misereor-Straßenkinderprojekts Butterflies im indischen Neu-Delhi, berichtete, wie hart der tägliche Kampf ums Essen aussehen kann. Das Leben auf der Straße sei ein Überlebenskampf und bitterer Alltag für hunderttausende Kinder in Delhi. Die Kleinen durchsuchen Müll nach etwas Essbarem. Misereor leistet mit diesem Projekt Bildungs- und Erziehungsarbeit und fördert dabei die Eigeninitiative und Mitbestimmung der Kinder. Eines der ehemaligen Straßenkinder, die zwölfjährige Subhana, kam einen Tag später, am 9. Dezember, als Gast nach Herrmannsdorf.

Die Eindrücke des Tages hallten bei den anwesenden Gästen auch während des gemeinsamen Abschlussessens nach und die Gespräche setzten sich angeregt fort. Das Menü stand unter dem Motto „Die Region schmecken“ und bot neben Kürbiscrèmesuppe mit Steirischem Kernöl, ein ausgefallenes Stück Fleisch vom Rind mit saisonalem Gemüse und Ofenkartoffeln.

Hintergrund:

Martin Luther und seine 95 Thesen haben vor 500 Jahren die Missstände im kirchlichen Ablasshandel kritisiert und die Reformation eingeleitet. Als Beitrag zum Reformationsjahr „Luther 2017“ präsentiert Slow Food Deutschland e. V. in Partnerschaft mit Misereor insgesamt 95 Thesen für Kopf und Bauch - für die „Reformation“ unserer Ernährungswelt.

Die Erde rahmt die 95 Thesen am Anfang und Ende ein, dazwischen stehen die Themenblöcke Wasser, Boden, Klima, die Pflanzen und Tiere – dann tritt der Mensch mit seinen Bedürfnissen auf – Einkaufen, Essen, Genießen – seinem immer größeren Fußabdruck, der tiefe Spuren im Erdzeitalter des Anthropozäns hinterlässt.

Slow Food Deutschland und Misereor machen damit auf die eklatanten Missstände und dringende Reformbedürftigkeit von Landwirtschaft / Fischerei und Nahrungsmittelproduktion aufmerksam. Immer mehr Konsumenten möchten wissen, woher ihre Lebensmittel kommen, wie sie hergestellt wurden und welche Folgen Produktionsweisen und Ernährungsstile für die Zukunft unseres Planeten Erde haben. Dieses Interesse ist der Beginn einer dringend notwendigen Veränderung. Slow Food und Misereor möchte diesen Prozess aktiv unterstützen und den gemeinsamen Dialog verstärken und vertiefen. Eine Veranstaltung zu jedem der neun Themenblöcke (Wasser, Boden, Klima, Essen etc.) ermöglicht dies.

Über Misereor

Als Entwicklungshilfswerk der katholischen Kirche kämpft Misereor seit 1958 für Gerechtigkeit, gegen Hunger, Krankheit und Ausgrenzung sowie deren Ursachen. Gemeinsam mit einheimischen Partnern unterstützen wir Menschen jeden Glaubens, jeder Kultur, jeder Hautfarbe. Seit 1958 und in über 106.000 Projekten in Afrika, Asien, Ozeanien und Lateinamerika. Misereor ist Mitglied im Bündnis Entwicklung Hilft.
www.misereor.de | www.entwicklung-hilft.de

Bild: Aus tiergerechter Nutztierhaltung und zu qualitätsorientierten Lebensmitteln weiter
verarbeitet, kommen die köstlichsten Gerichte auf den Teller. |
© Herrmannsdorfer Landwerkstätten

Text: Slow Food Deutschland e. V.

Mehr Informationen:

Veranstaltungsreihe "95 Thesen für Kopf und Bauch"

Slow Thema: Agrarpolitik – Informationen, Aktionen und Positionen




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