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95 Thesen für Kopf und Bauch: Saatgut ist die Grundlage unserer Ernährung

21.12.2017 – Auch wenn Pflanzen 96 Prozent der Biomasse unseres Planeten ausmachen und unser Überleben sichern, werden sie in der öffentlichen Debatte über die Zukunft des Planeten meist außer Acht gelassen. Es fehlt an gesellschaftlicher Anerkennung dieser wichtigen Lebewesen. Dieser Diskrepanz ging die fünfte Veranstaltung der Reihe „95 Thesen für Kopf und Bauch“ von Slow Food Deutschland und Misereor in Syke bei Bremen auf den Grund.

Die biologische Vielfalt ist ein Ressourcenschatz, den es verantwortungsvoll zu nutzen und zu erhalten gilt. Der Erhalt der genetischen Vielfalt sichert unsere Ernährung sowie die Geschmacks- und Sortenvielfalt auf unseren Tellern und gewinnt im Zuge von Klimaanpassungen und Resilienz an Bedeutung. Wie dies auf naturnahe Weise in der Praxis gelingen kann, erfuhren die Teilnehmer auf dem Biohof von Marko Seibold in Syke. Bei strahlender Novembersonne führte der gebürtige Schwabe die Gäste auf seine Felder. Er legt großen Wert darauf, Sortenvielfalt zu bewahren und alte, fast vergessene Sorten zu kultivieren. Denn sie verfügen u. a. über Inhaltsstoffe, wie etwa Mineralien, die für uns Menschen sehr gesund sind, bei der Züchtung neuer Sorten aber verloren gegangen sind.

Bild oben: Pflanzen machen 96 Prozent der Biomasse unseres Planeten aus und sichern unser Überleben.


Lehrmeisterin Natur

Direkt vom Feld, wo alles – auf den ersten Blick – durch- und nebeneinander wächst, konnten die Gäste erste Geschmacksproben genießen. Marko Seibold betont, dass Permakultur letztlich die erfolg- und ertragreichste Form des Gemüseanbaus ist. Die Natur ist seine Lehrmeisterin. „Wenn wir der Natur ihren Lauf lassen, schenkt sie uns zu jeder Jahreszeit wertvolle Kräuter und Gemüsesorten. Wir müssen diesem sensiblen Ineinanderwirken von Wachsen, Vergehen und sich gegenseitig Stärken nur vertrauen und die benötigte Zeit geben“, ist sein Credo.

Bild oben: Biobauer Marko Seibold holt Geschmacksproben für die Teilnehmer direkt vom Feld.


Recht auf Saatgut, Recht auf Nahrung

Anschließend gab es eine Gesprächsrunde, welche die Bedeutung von Saatgut- und Sortenvielfalt für die Ernährungssicherheit und -souveränität weltweit in den Fokus nahm. Neben dem Hofbesitzer selber nahmen als Experten Anja Banzhaf, Autorin des Buches „Saatgut: Wer die Saat hat, hat das Sagen“, Sebastian Wenzel aus der Qualitätskommission von Slow Food Deutschland e. V. und Judith Busch, Vorstandsmitglied von Fian Deutschland (FoodFirst Informations- und Aktionsnetzwerk), an der Veranstaltung teil. Judith Busch betonte direkt zu Beginn der Diskussion, dass der freie und ungehinderte Zugang zu Saatgut zu einem völkerrechtlich verankerten Menschenrecht auf Nahrung gehöre. Besonders in den Ländern des globalen Südens treibe die Agrarindustrie über Monopolisierung und Kommerzialisierung von Saatgut die Kleinbauern in eine existentielle Abhängigkeit von großen Konzernen und damit oft in den Ruin. Es hindere sie daran, Saatgut einzusetzen, welches den regionalen Gegebenheiten und Bedingungen entspreche. Dieser Verlust der pflanzengenetischen Vielfalt bedroht aber nicht nur die weltweite Ernährungssicherheit, sondern er verhindert auch das Anpassungspotential der Landwirtschaft beispielsweise an die Herausforderungen des Klimawandels.

Bild oben: Teilnehmer der Gesprächsrunde (v. li. n. re.) – Marko Seibold, Biobauer; Anja Banzhaf, Autorin; Marius Keller, Restaurant Canova Bremen; Sebastian Wenzel, Slow Food Deutschland; Judith Busch, Fian Deutschland; Gesa Grandt, Moderation.

Wissen über Saatgut aufbauen

Auch beim Thema Saatgut, so stellte die Gesprächsrunde klar, sei die von Slow Food unterstützte Aufklärung der Verbraucher von zentraler Bedeutung. Es geht darum, innerhalb unserer Gesellschaft wieder agrarkulturelles Wissen aufzubauen. „Vielen Menschen ist die Herkunft von Saatgut sowie der Umgang mit Samenzucht nicht mehr vertraut. Für sie kommen Samen aus dem Papiertütchen im Supermarkt. Saatgutinitiativen müssen wieder bekannter werden. Denn sie regen nicht nur zum Sammeln und Tauschen von Samen an und unterstützen das Verbreiten und Vermehren von Sorten, sondern sie stehen in einer jahrhundertealten, kulturhistorischen Tradition. Saatgut ist ein Gemeingut und kulturelles Erbe“, hob Anja Banzhaf hervor. Die Experten der Runde waren sich einig: Um die Ernährung aller Menschen weltweit durch Saatgutvielfalt sichern zu können, mit guten, sauberen und fairen Lebensmitteln als Standard, ist es noch ein weiter und steiniger Weg. Dennoch aber gibt es viele zukunftsweisende Ansätze und das Engagement von Initiativen und Organisationen, die zeigen, dass ein Umdenken begonnen hat. Die „Reformation“ unserer Ernährung ist im Gange – aber sie muss tagtäglich lebendig gehalten werden.

Kulinarische Vielfalt mit einfachen Mitteln

Welch großartige Geschmacksvielfalt in den so unscheinbar wirkenden frisch geernteten Wurzeln und Pflanzen vom Seiboldschen Feld steckt, zeigte Chefkoch und Inhaber Marius Keller vom Restaurant und Café Caonva den Gästen im Anschluss in der Kunsthalle Bremen. Ein ästhetisch und kulinarischer Hochgenuss in toller Atmosphäre, so erlebten es die Gäste.

Hintergrund:

Martin Luther und seine 95 Thesen haben vor 500 Jahren die Missstände im kirchlichen Ablasshandel kritisiert und die Reformation eingeleitet. Als Beitrag zum Reformationsjahr „Luther 2017“ präsentiert Slow Food Deutschland e. V. in Partnerschaft mit Misereor insgesamt 95 Thesen für Kopf und Bauch - für die „Reformation“ unserer Ernährungswelt.

Die Erde rahmt die 95 Thesen am Anfang und Ende ein, dazwischen stehen die Themenblöcke Wasser, Boden, Klima, die Pflanzen und Tiere – dann tritt der Mensch mit seinen Bedürfnissen auf – Einkaufen, Essen, Genießen – seinem immer größeren Fußabdruck, der tiefe Spuren im Erdzeitalter des Anthropozäns hinterlässt.

Slow Food Deutschland und Misereor machen damit auf die eklatanten Missstände und dringende Reformbedürftigkeit von Landwirtschaft / Fischerei und Nahrungsmittelproduktion aufmerksam. Immer mehr Konsumenten möchten wissen, woher ihre Lebensmittel kommen, wie sie hergestellt wurden und welche Folgen Produktionsweisen und Ernährungsstile für die Zukunft unseres Planeten Erde haben. Dieses Interesse ist der Beginn einer dringend notwendigen Veränderung. Slow Food und Misereor möchte diesen Prozess aktiv unterstützen und den gemeinsamen Dialog verstärken und vertiefen. Eine Veranstaltung zu jedem der neun Themenblöcke (Wasser, Boden, Klima, Essen etc.) ermöglicht dies.

Über Misereor

Als Entwicklungshilfswerk der katholischen Kirche kämpft Misereor seit 1958 für Gerechtigkeit, gegen Hunger, Krankheit und Ausgrenzung sowie deren Ursachen. Gemeinsam mit einheimischen Partnern unterstützen wir Menschen jeden Glaubens, jeder Kultur, jeder Hautfarbe. Seit 1958 und in über 106.000 Projekten in Afrika, Asien, Ozeanien und Lateinamerika. Misereor ist Mitglied im Bündnis Entwicklung Hilft.
www.misereor.de | www.entwicklung-hilft.de

Text: Slow Food Deutschland e. V.

Alle Bilder: © Gesa Grandt

Mehr Informationen:

Veranstaltungsreihe "95 Thesen für Kopf und Bauch"

Slow Thema: Agrarpolitik – Informationen, Aktionen und Positionen

Slow Thema: Saatgut



Slow Food Deutschland e. V. - Luisenstraße 45 - 10117 Berlin - Telefon: 030 / 2 00 04 75-0 - E-Mail: info@slowfood.de