Ernährung ist das Zukunftsthema schlechthin - von Rupert Ebner

25.03.2025 - Auch wenn er schon wieder ein Weilchen her ist: Ein kurzer Wahlkampf liegt hinter uns. Solingen – Magdeburg – Aschaffenburg und München beherrschten die Stimmungen und den Wahlkampf. Vorwürfe und Empörung dominierten. Die grausamen Taten und schrecklichen Bilder wurden mit Vorwürfen und Dammbrüchen unangemessen aufgearbeitet. Unsere Slow-Food-Themen gingen dabei völlig unter. Seit Langem fordern wir, dass die Menschen besser und gesünder essen sollen. Wir sagen seit Langem, wir brauchen eine Ernährungswende. Die Wahlprogramme wurden noch mit ruhiger Hand geschrieben. Aber wer formuliert eine Wende in der Ernährung? Niemand!

Zwar fordert das Programm der CDU/CSU eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung für Lebensmittel. Sie soll allerdings »praxistauglich« sein. Ich zucke immer zusammen, wenn ich »praxistauglich« lese. Das ist doch viel zu häufig eine Mogelpackung, die in Wahrheit bedeutet: Lasst alles so, wie es ist. Die SPD will sich für bezahlbare Preise für Lebensmittel einsetzen. Mit welchen Mitteln und was das heißt, bleibt allerdings völlig offen. Die Grünen widmen der Ernährung ein ganzes Kapitel »Gutes Essen für Deutschland«. Die Frage ist nur: Haben sie unsere Idee vom guten Essen auch verstanden? Rupert_Ebner-1529_1 Kopie.jpg

Wenn wir ehrlich sind, dann hat die Ernährung aus unserer ganzheitlichen Sicht im Wahlkampf keine Rolle gespielt. Aber ganz unpopulär ist das Thema Essen nicht. Es kommt als Beilage daher und soll die Politiker und Politikerinnen sympathischer machen. Ich denke da an Olaf Scholz, der seinem Kollegen Emmanuel Macron eine Fischsemmel reichte. Helmut Kohl hat Francois Mitterrand einst zum Pfälzer Saumagen eingeladen und Gerhard Schröder machte die Currywurst so richtig zum Star. So gesehen spielt das Essen doch eine wegweisende Rolle: Sich beim Essen zur Schau zu stellen, das gefiel, und lenkte Menschen von ihren Problemen ab. Sehr gut kann man das bei Donald Trump nachprüfen. Als es im Wahlkampf kurzzeitig eng wurde und Kamala Harris an ihm vorbeizog, da schwelgte er bei McDonalds und teilte diese Bilder weltweit.

Auch deutsche Politiker*innen lieben Fast Food. Und sie flirten mit der Reichweite, wenn sie zeigen, wo sie gerade gegessen haben. Die Berichte über ihre Lieblingsspeisen gehen weg wie warme Semmeln. Das weiß auch Markus Söder. Fast meinte man, dass er mehr Zeit in Dönerbuden als in der Staatskanzlei verbringt. Auf alle Fälle lohnte es sich für ihn: in kurzer Zeit hatte er über vier Millionen Views.

Eigentlich müssten wir von Slow Food also jubeln: Politiker interessieren sich fürs Essen. Doch mit unseren Zielen hatte das Thema Essen, wie es im Wahlkampf eingesetzt wurde, rein gar nichts gemein. Es hat etwas mit den Verantwortlichen für den Wahlkampf zu tun, die sagen: »Das kommt gut, wenn ihr Fast Food liebt und das vorzugsweise beim Sport.« Das ist ein über 2000-Jähriges Erfolgsrezept. Nur gab es in der Antike keinen Klimawandel, der die biologische Vielfalt immer stärker bedroht. Für die antiken Herrscher war klar, dass die Menschen in Rom nicht zu sehr Hunger leiden durften. Heute hungert weltweit eine dreiviertel Milliarde Menschen, doch das spielt in unseren Wahlkämpfen keine Rolle. Und ich stelle mir die Frage: »Warum ist das so?«

Konsum ist das eine, aber Essen ist nicht nur Konsum. Wir müssen täglich essen, und was wir zu uns nehmen, wird immer ein Teil von unserem Körper sein. Unsere Gesundheit und das Überleben des Planeten hängen damit unmittelbar zusammen. Würden wir das zu Ende denken, dann müsste »unser täglich Brot« das Spitzenthema aller Wahlkämpfe sein. Auch, weil die Herstellung von Lebensmitteln in vielen Ländern der größte Wirtschaftszweig ist. In Deutschland arbeiten 5,8 Millionen Menschen in der Lebensmittelwirtschaft. In der Automobilindustrie sind es gerade mal 0,75 Millionen.

Was ich mir wünsche, das sind Politikerinnen und Politiker, die diese Zusammenhänge verstehen. Ich weiß, es gibt sie – in den hinteren Reihen. Ich bitte Euch, stellt Euch bei den nächsten Wahlen in die erste Reihe und besetzt dieses Thema – nicht als Lückenbüßer, sondern als das Thema für die Zukunft schlechthin.

von Rupert Ebner, Vorstandsvorsitzender Slow Food Deutschland

unter Mitarbeit von Hermann Drummer

erschienen im Slow Food Magazin 05/2024

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